Der Fall Mufflon Tierschutz im Spannungsfeld von Naturschutz und Waldwirtschaft

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Meistens verhuscht und nicht sichtbar, nun jedoch im allgemeinen Fokus des Interesses: die Biele- felderMufflons unterhalb der Hünenburg. Die Emotionen kochen hoch: Einer der Waldbesitzer, dessen Bäumen die Mufflons ausseiner Sicht zu stark auf die Rinde rücken, die Klasing´sche Familienstiftung, möchte die Tiere am liebsten komplett aus ihrem Revier tilgen. Die Tierschützer schreien aufgrund dieser Perspektive Zeterund Mordio – die meisten sind dabei um einen ausgewogenen Dialog bemüht, der die Belange beider Seiten – Waldbesitzer und Schalenwild – gleichermaßen berücksichtigt.

Doch noch einmal kurz zurück zum Anfang: Die Muffelherde, deren Bestand durch regelmäßige Hege zwischen 10 und 15 Tieren schwankt, ist kein Neuankömmling im Bielefelder Forst. Ihre Vorfahren wurden 1962 der Olderdisser Mufflonherde entnommen, um die Vielfalt des zu bejagenden Wildes ein wenig „aufzupeppen”. Beteiligt an dieser Auswilderung damals ein Vertreter der eingangs bereits erwähnten Familie Klasing, seines Zeichens Wildliebhaber und Jäger. Viele Jahrzehnte verweilte die Mufflonherde, zumindest jene Tiere, die nicht den regelmäßigen Abschüssen zum Opfer fielen, im Teutoburger Wald, ohne dass von den Waldbesitzern betriebsschädigende Einbußen durch das Muffelwild beklagt wurden.

Warum behalten?

Da nicht heimisch, kann man nicht davon sprechen, dass die Mufflons im Ökosystem des Bielefelder Waldes seit eh und je dazugehören und hier eine wichtige Funktion im gesamten Gefüge spielen. Wenn also rein fachlich waldökologische Argumente zu Grunde gelegt werden, ist es schwierig, für den Erhalt der Tiere zu plädieren – wenn man den reinen Tierschutzgedanken außen vor lässt.

Manchmal hilft ein Wechsel der Perspektive weiter: Die Mufflons sind im Laufe des Tages ziemlich rege. So kommt es, dass sie auf einem Terrain zu Hause sind, dass stattliche 600 ha umfasst – 145 ha davon im Besitz der Klasings, die restlichen teilen sich unter fünf weiteren  Besitzern, darunter die Stadt Bielefeld, auf. Die Mufflons wechseln dabei des Öfteren ihre „Spielwiese”, also jenen Platz, an dem sie sich besonders gerne aufhalten – im Frühjahr stehen sie beispielweise gerne auf dem Acker und laben sich an der aufgehenden Saat, im Wald selbst fallen sie durch Abknabbern von jungen Gehölzen sowie Rammen und Schälen von heranwachsenden Bäumen an der einen oder anderen Stelle (unangenehm) auf.

Warum loswerden?

Auch wichtig bei der Betrachtung: die Definition des Begriffes „Schaden”. Dieses Wort wird in der Diskussion häufig benutzt. Dabei gilt zu bedenken: Nicht jeder Baum, an dem sich die Mufflons „vergangen” haben, ist unwideruflich geschädigt. Es ist nicht gesagt, dass ein Pilz über Rindenverletzungen ins Holz eindringt, der dieses unbrauchbar für die Vermarktung macht. Viele Bäume verfügen über ein so robustes Wundheilungssystem, dass sie derlei mechanische Manipulationen mühelos überstehen – beispielsweise die Esche, die Rindenverletzungen durch sogenannte „Überwallung” zu heilen vermag. Ein weiterer Blick auf den durchschnittlichen Wirtschaftwald, mit einer für die Gegend typischen Laubwaldgesellschaft zeigt: Pro Hektar werden durch Bewirtschaftung nur ca. 150 Zukunfts-Bäume zur Erntereife entwickelt. Die restlichen werden in der Durchforstungsmasse, tw. als minderwertiges Industrieholz, tw. aber auch schon als wertvolleres Nutzholz aus dem Bestand herausgeschlagen. Von welchem Schaden sprechen wir also genau, wenn wir uns den Klasing´schen Forst anschauen? Und ist dieser Schaden tatsächlich von den Mufflons verursacht oder vom Rehwild, das ebenfalls vor Ort heimisch ist? Abhilfe könnte hier ein forstwirtschaftliches Gutachten, welches auch die exakten finanziellen Einbußen beziffert, leisten – aber dies bleibt man schuldig.

Worum geht es also wirklich? Es gibt einen alten Konflikt, der mit über 200 Jahren so alt ist wie die neuzeitliche Forstwirtschaft selbst – sein Name: „Wald oder Wild”. Zwei ehemals zusammengehörende Begriffe, geraten in Zeiten von Natur- und Ertragswald immer stärker miteinander in Konflikt. Hier wird von den unterschiedlichen Seiten entweder mit nicht hinnehmbaren finanziellen Einbußen oder nicht möglicher Naturverjüngung und einem Verlust der Artenvielfalt vor allem im Bereich der Gehölze argumentiert.

Sicherlich beeinflussen zu große Wildbestände die Entwicklung des Waldes in negativer Hinsicht. Weil es an natürlichen Feinden des Schalenwildes – Rehen, Mufflons und Co. – mangelt, greift der Mensch durch die Erfüllung regelmäßiger Abschusspläne ein, um die Bestände zahlenmäßig im Zaum zu halten. Die unlängst anstehende Novelle des Landes-Jagdgesetzes NRW wird dem Verhältnis von Wild und Wald noch stärker Rechnung tragen in dem Sinne, dass zukünftig die Wildbestände wesentlich stärker als bislang durch Bejagung reduziert werden, um die natürliche Entwicklung des Waldes zu gewährleisten und zu fördern.

Und wenn es so bleibt?

Doch kann man im vorliegenden „Fall Mufflon” von einem zu großen Druck auf den Wald (600 ha) durch 10-15 Tiere sprechen? Ist es tatsächlich denkbar, dass die Mufflons die Naturverjüngung sabotieren oder zum Aussterben einzelner Gehölzarten im Klasing´schen Forst führen?

Vielleicht muss man es mit der Mufflonherde im Bielefelder Wald ebenso machen wie mit der Kirche im Dorf: Sie einfach dort lassen, wo sie ist.