„To not buggering it up“ – Gastbeitrag von Pip Cozens


Veröffentlicht am / Abgelegt in: Aktuelles, Allgemein

Der Künstler Pip Cozens gibt alsgebürtiger Brite in seinem Gastbeitrag einen individuellen Einblick auf EU undBrexit.

AlsNesthäkchen aus der englischen Provinz bekam ich die erste Idee von Europa beimBesuch meines ältesten Bruders in Brüssel, der dort für das Euro Space Centerarbeitete. Erfolglos, aber beeindruckt, versuchte ich die Freunde meinesBruders aus der EU-Verwaltung zu verstehen, die mir Butterberge und Milchseenerklären wollten.

Trampen mitmeinem besten Freund Robert durch die Niederlande, Frankreich und Italien,erweckte die Liebe zur Vielfalt, dem Sternenhimmel der Alpen und zu den vielenMenschen, die uns herzlich aufnahmen. Nie war mir die Arroganz meiner Insel sobewusst, wie in diesen Reisejahren. Wie selbstverständlich nahmen wir jedenVorteil, den die EU uns bieten konnte, blickten aber mit oft kaum verhohlenerAbneigung nicht nur auf die EU im Allgemeinen, sondern auf Mitgliedsstaaten wieFrankreich und Deutschland herab.

MeinerMeinung nach lebt England heute und auch damals nach dem Motto „Die Welt warund wird wieder unser sein“. Im Herzen bin ich Weltbürger. Nationalismus istmir heute so fremd wie damals. Wie begeistert war ich von der Währungsunion,die so vieles vereinfachte. Natürlich bekam Großbritannien eine Extrawurst.

DasSchengener Abkommen machte zum Glück unfreundliche Kontrollen machthungrigerGrenzbeamter überflüssig, denen ich als junger Mensch, und Freigeist bis zumAbwinken ausgesetzt war. Leider war auch hier Großbritannien nicht dabei: AlleLänder konnte ich  frei durchqueren, nurin meiner alten Heimat musste ich meinen Pass vorzeigen.

Die leidige Frage

Über dieJahre lernte ich, dass meine Antwort auf die Frage „Woher kommst du?“ eher eineSchublade öffnete, in die ich gestopft wurde, als dass sie Begeisterungauslöste. Mir wurde klar, dass ich nicht Teil des Klischees sein wollte, das„England“ auslöste. Meine Freiheit, einfach nur „ich“ zu sein, habe ich mir inDeutschland erarbeitet, in dem Land und besonders in der Stadt, die ich heuteals meine Heimat ansehe. Bielefeld ist bunt und weltoffen. Europa bedeutetFrieden. Meine Kunst unterstützt Freiheit und Menschenrechte unter dem Motto„Working for the Planet.“

Seit Beginndes „Brexit“-Fiaskos werde ich ständig gefragt, warum England die EU verlassenwill.

Dasidyllische England meiner Kindheit ist Erinnerung. Zweifel an Europa säte Mrs.Thatcher gleich nach dem Beitritt, sie wurden nie ausgeräumt.

Brexit istfür mich der Deckmantel einer Regierung, der seit Jahren eine Zukunftsvisionfehlt. Ein Eingeständnis des Unvermögens, ein tief gespaltenes Land in einnachhaltiges 21. Jahrhundert und darüber hinaus zu führen. Die Spaltungzwischen arm und reich vergrößert sich weiter, Familien wie Regionen sindzerrissen, Jung und Alt beharren auf ihren Standpunkten, keine*r gibt nach. DieBrexit-Verhandlungen laufen auf britischer Seite nach dem Motto: Alle fahrengemeinsam Richtung Wand, wer bremst, verliert.

Natürlich istdie EU mehr als reif für Reformen, aber, wie in England zu jammern, man würdevon ungewählten Eurokrat*innen regiert, geht ins Leere. Denn das Königreichwird selbst seit Jahrhunderten von einer Oberklasse und den Mitgliedern desnicht gewählten „House of Lords“ beherrscht, als würde Lord Nelson zum Wohledes Empire noch über die Weltmeere segeln.

Bald kein EU-Bürger mehr?

„Keep my cake and eat it“ wird nicht funktionieren. Mir fehlt immer noch dasVorstellungsvermögen, vielleicht in einigen Wochen kein EU-Bürger mehr zu sein.Nie war mir so bewusst, was für ein Luxus die Freizügigkeit bedeutet: Zu lebenund zu arbeiten, wo ich möchte. Seit über 30 Jahren ist Bielefeld meine Heimat,hier möchte ich weiterhin als Artivist leben, mich einmischen, unterstützen,die Dinge voranbringen. Die Ostwestfalen sind oft sehr zurückhaltend, aber auchehrlich und loyal.

Aktionskunst für Menschenrechte und Umweltschutz ist meine Passion, Wissen darüber und Möglichkeiten aktiv und kreativ zu werden, möchte ich mit Menschen hier und in aller Welt teilen. Da ich überraschenderweise meinen „Leben in Deutschland-Test“ fehlerfrei bestanden habe, vielleicht sogar demnächst mit einem deutschen Pass!

Pip Cozens ist Mitbegründer der Künstlerinitiative ART at WORK und inspiriert gemeinsam mit seiner Partnerin Annabelle Mayntz durch nachhaltige Aktionskunstprojekte, Land Art und politische und kulturelle Bildung.