Auf die Straße gegen Rechts?!


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Was tun gegen menschenfeindliche Hetze und Hass?

Prof. Andreas Zick vom Institution für Konflikt- und Gewaltforschung hat für unsere Mitgliederzeitschrift big einen Gastbeitrag verfasst:

Nach den Protesten gegen menschenfeindliche Hetze und Hass verspüren viele eine Entspannung. Ausgehetzt und unteilbar? Entspannen und weiter an den gesellschaftlichen Herausforderungen arbeiten, die Gesellschaft vorwärtsbringen und Menschen binden, statt sie zu vertreiben: Umweltschutz, Integration, Sozialpolitik, Entwicklung einer europäischen Identität, die nationale Großmachtfantasien ausbremst? All das steht an, wurde jedoch überlagert von zermürbenden Debatten um „Flüchtlingskrisen“ und „Überfremdung“. Endlich ausgehetzt und unteilbar? Zurück in die Arbeitsgruppen, Kommissionen, oder einfach zurück hinter die Gardine und ab und zu an die Wahlurne?

Rechte besetzen Räume

Kann man machen, aber dann muss man sich auch blind stellen für das, was auf den Straßen los ist, dort, wo die großen Demos nicht stattfinden, oder sich auflösen. Rechtspopulismus und -extremismus sind weiterhin darin erfolgreich, Räume zu besetzen. Sie haben sich in den vergangenen Jahren zu einer heterogenen wie hoch motivierten Bewegung formiert, die eine Einheit in zwei Motiven gefunden hat. Einerseits haben jene Gruppen, die um die Parlamente, die Straße oder die Kultur kämpfen, eine sie bindende nationale Identität ausgebildet. Andererseits sind die Gruppen in einer Ideologie des Widerstandes verbunden. Der Widerstand richtet sich dabei gegen potenziell alle, die den Meinungen und dem nationalen Leitbild widersprechen oder ‚volksfremd‘ sind. An die Widerstandsideologie angedockt ist die Idee, den Raum ‚zurückzuerobern‘, die Heimat, die etablierten Vorrechte. Das verfängt bis tief und weit in eine Mitte, die an Sorgen und Krisen glaubt und anfällig ist für die Annahme, ‚die Fremden‘ seien das Problem. Dabei wurde lange übersehen, wie sehr soziale Vorurteile das ideologische Scharnier für die Identitäts- und Widerstandsideologien der unterschiedlichen identitären, extremistischen und rechtspopulistischen Gruppen sind, und zugleich die Brücke in die Mitte, die um ihre angestammten Vorrechte bangt. Das Vorurteil ist ein gewaltiges Instrument, welches Machterhalt, Diskriminierungen, Vertreibungen und Vernichtungen von Menschen vorbereitet und zugleich rechtfertigt. Hass und Hetze brauchen Vorurteile, weil sie Feindbilder benötigen. An vielen Orten wurden Vorurteile als harmlos, wie andererseits an vielen Orten als Imageschaden bewertetet. Dass sich der Hass immer ein Ziel gesucht hat, weil er schon auf einem Vor-Urteil über die Feinde beruht, ist ja auch nicht einfach zu ertragen.

Vorurteile werden zur Norm

Die Straßen sind längst noch nicht beruhigt, weil die Feindbilder und die damit verbundenen Vorurteile noch vorhanden sind und auf die Straße getragen werden. Es wird eher unruhiger. Unsere Studien zeigen, dass sich selbst weniger extremistische rechtspopulistisch orientierte Menschen in ihren Feindbildern so radikalisiert haben, dass in ihren Milieus das Vorurteil zur Norm geworden ist. Zudem lässt sich beim besten Willen nicht ignorieren, dass sich in einigen Straßen und auf Plätzen längst national befreite Zonen eingerichtet haben und Straßenkämpfe gewonnen wurden. Zudem wächst dort, wo radikale Gruppen sich verankert konnten, die Akzeptanz und es sinkt die Zivilcourage. Normalitätsverschiebungen folgen Gewöhnungseffekten.

Raus auf die Straße!

Also, doch auf die Straße gehen? Woher die Motivation nehmen? Wer sich auf die Straße bewegt, wird schnell verdächtigt, ebenso extremistisch zu sein, oder Extremisten zu helfen, wird verdächtigt, die Konflikte anzuheizen, auch wenn genau das rechtsextreme und rechtspopulistischen Gruppe freut, es so zu sehen. Das Motto „ausgehetzt“ und „unteilbar“ könnte Grundstein für einen Umbau des sozialen Raumes werden. Darauf aufbauend ließe sich ein Plan für eine Gesellschaft entwickeln, die von der Architektur der Demokratie geprägt ist. Sie folgt dem Modell einer konfliktfähigen und nach Gleichwertigkeit und Würde aller strebenden Gesellschaft, die fähig ist, Neid, Hass und Missgunst zu bremsen. Sie gehört auf die Straße. Es nutzt ja leider wenig, tolerant hinter der Gardine zu sein.

Andreas Zick ist Professor für Sozialisation und Konfliktforschung. Er leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.