Wie kann die Schullandschaft in Bielefeld gut weiterentwickelt, Herausforderungen gerechter verteilt und eine gute Bildung für alle Schüler*innen erreicht werden. Darum ging es in der Sondersitzung des Rates am 02.04.2025. Dazu die Rede von Dominic Hallau, Co-Fraktionssprecher.
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Gäste,
Ich bin kein Schulpolitiker. Ich bin heute nicht hier, um mit Zahlen und Paragraphen zu glänzen – das wird meine Kollegin gleich tun, und das kann sie besser als ich. Aber ich bin hier, weil mir Schule etwas bedeutet. Persönlich.
Mein Opa war Schulleiter. Mein Vater war Schulleiter. Mein Bruder ist Lehrer. Zwei meiner Cousinen ebenfalls. Schule war bei uns immer Thema am Küchentisch, Familienfeiern sind kleine Lehrerkonferenzen – mit der Begeisterung, wenn etwas gelingt. Und mit der Erschöpfung, wenn das System mal wieder nicht hält, was es verspricht.
Deshalb weiß ich: Was unsere Schulen leisten – das ist nicht selbstverständlich. Dass unter nicht immer idealen Bedingungen noch Lernräume geschaffen werden, in denen Kinder sich entwickeln können, ist eine riesige Leistung. Und das liegt an den Lehrerinnen und Lehrern in dieser Stadt, die oft mehr geben, als sie eigentlich müssten.
Das verdient Respekt. Und politische Rückendeckung. Nicht nur nette Worte, sondern Entscheidungen, die wirklich helfen.
Und ich verstehe die Eltern, die sich jetzt Sorgen machen. Die sich fragen, ob ihr Kind einen Platz an der gewünschten Schule bekommt. Und ich verstehe den Reflex: „Dann macht doch einfach noch eine Klasse auf!“
Aber nicht alles, was sich kurzfristig gut anfühlt, ist langfristig auch richtig. Und Mehrklassen sind eben kein Beitrag, um das Problem dauerhaft zu lösen. Sie sind ein Ausnahmeinstrument – kein Regelinstrument. Und je öfter man sie nutzt, desto mehr verliert sich das Augenmaß.
Was wir brauchen, ist nicht die nächste Feuerwehraktion. Sondern endlich eine Debatte über das System dahinter. Über die Strukturen, die zu diesen Engpässen führen. Über die Ungleichgewichte, die wir seit Jahren dulden um den Eltern zu gefallen.
Und deshalb frage ich an dieser Stelle ganz bewusst die Kolleginnen und Kollegen von CDU und FDP: Was ist eigentlich Ihre Idee für das große Ganze? Was ist Ihre langfristige Perspektive? Wie stellen Sie sich eine Schullandschaft vor, die nicht jedes Jahr im März ins Rotieren kommt, weil wieder irgendwo zu viele Anmeldungen sind?
Ich sehe bei Ihnen vor allem Reaktion, nicht Gestaltung. Ich sehe Aktionismus – aber keinen Plan. Sie greifen zum bekannten Werkzeugkasten, weil der Druck gerade da ist.
Aber was passiert danach? Was ist mit den Kindern, die in zwei Jahren dann wieder die Schule wechseln müssen? Was ist mit den Klassen eines ganzen Jahrgangs, die dann auseinandergerissen werden?
Das ist doch kein nachhaltiger Umgang mit Bildung. Das ist Symptombehandlung – ohne Diagnose.
Mein Anspruch ist, dass wir als Stadt – und als Rat – den Mut haben, nicht nur auf den kurzfristigen Druck zu reagieren. Sondern uns der eigentlichen Verantwortung stellen.
Das System ist aus dem Gleichgewicht geraten. Es gibt Schulen, die Jahr für Jahr überfordert werden – sozial, pädagogisch, organisatorisch. Und es gibt andere, die sich dieser Verantwortung eher entziehen. Das sagen nicht wir, das sagen die Schulleitungen selbst. Und solange wir daran nichts ändern, wird sich gar nichts ändern.
Ich wünsche mir eine Haltung, in der Schulen nicht in erster Linie sortieren, sondern begleiten. In der nicht nur wenige Schulen den Großteil der gesellschaftlichen Verantwortung tragen. In der nicht jede Herausforderung einfach weitergereicht wird – bis sie irgendwann bei den Schulen landet, die ohnehin am Limit sind.
Ich weiß: Es wäre einfach, jetzt noch zwei Klasse zu beschließen. Noch ein Türchen aufzumachen. Aber das löst das Problem nicht – es verlagert es nur. Und irgendwann gehen uns die Türen aus.
Wir brauchen nicht mehr vom Gleichen. Wir brauchen den Mut zur Veränderung. Zur Ehrlichkeit. Und zur Verantwortung.
Ich will, dass Schule in Bielefeld funktioniert – nicht nur im 5. Jahrgang. Sondern auch im 7., im 8. und darüber hinaus. Für alle Kinder. Für alle Lehrer*innen. Für eine Stadtgesellschaft, die Bildung nicht verwaltet, sondern gestaltet.
Und deshalb sage ich heute klar: BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN sagt zum Antrag von CDU und FDP heute nicht das bequemere Ja. Sondern das verantwortungsvolle Nein.
Es gilt das gesprochene Wort