09/2010: Integration in Bielefeld


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Lisa Rathsmann-Kronshage hielt am 23.09.2010 im Rat der Stadt Bielefeld zu TOP 6 der Tagesordnung folgende Rede:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Das Thema Integration hat ja aktuell eine Medienpräsens erfahren, die es inhaltlich durchaus verdient, deren Anlass sich aus meiner Sicht aber auf wissenschaftlich unhaltbare Thesen eines Mannes beziehen, der gerne im Rampenlicht steht und der das Thema Integration in einer ausschließlich populistischen Art behandelt.

Umso wichtiger ist es für uns, das Thema Integration in Bielefeld fachlich angemessen zu behandeln und sowohl das bisher erreichte nicht zu unterschlagen als auch das zukünftig Notwendige gemeinsam zu gestalten. Dass Integration ein gegenseitiger Prozess, der die deutschstämmige und die zugewanderte Bevölkerung fordert und der von beiden Seiten gewollt und dann gelebt werden muss, steht mittlerweile außer Frage. Dafür ist die Kommune der konkrete Ort, denn in selbstverständlichen Kontakten in der Kita, in der Schule und am Arbeitsplatz, auf dem Spielplatz, im Wohnumfeld oder im Theater leben und agieren wir selbstverständlich miteinander. Und wir lernen hoffentlich, auch Themen anzusprechen, die oft tabuisiert werden oder die uns aneinander stören – beispielsweise die Geschlechterbilder oder der übertriebene Männlichkeitshabitus in manchen Kreisen, der zu antiquiert begründeten Heiratsverhalten junger Männer führt. Ich frage mich, wie das auch mit Vorstellungen von Kindererziehung  zu selbstständigen und eigenverantwortlichen Menschen zusammen passt. Hier sehe ich durchaus Diskussionsbedarf über Wertevorstellungen  und ich freue mich auf diese Debatten auch im Integrationsausschuss.

Denn Integration heißt für mich, nicht alles kulturell oder traditionell begründete Handeln des anderen zu akzeptieren, sondern sich auf Regeln des Zusammenlebens zu verständigen und diese zu praktizieren.

Das Integrationskonzept für Bielefeld liegt uns nun in seinem zweiten Schritt endlich vor. Ein Konzept, das nicht nur von seiner Seitenanzahl und der Anzahl der Handlungsfelder und vorgeschlagenen Maßnahmen beachtliche Ausmaße hat, sondern auch in der Breite seiner Erstellung beispielhaft ist. Ein offensichtlich bundesweit einmaliger und herausragender Ansatz. So ist es gelungen, eine Vielzahl von Organisationen und Personen in die Erstellung einzubinden und ein breites Spektrum von Sichtweisen einzubringen. Daraus resultiert die beachtliche Anzahl von 450 Handlungsvorschlägen.

Handlungsvorschläge, die sicher noch etwas sortiert und konkretisiert werden müssen. Zum einen nach der kommunalen Zuständigkeit und Umsetzung zum anderen nach den fachlichen Zuständigkeiten. Dies ist auch die Empfehlung des Integrationsausschusses und es muss seitens der Verwaltung eine Priorisierung der Handlungsempfehlungen vorgenommen werden, der sich eine Behandlung  in den Fachausschüssen anschließt.

Mein Anspruch ist, dass sich daraus konkrete Zielvorgaben und Projekte ableiten, deren Wirksamkeit dann auch überprüft wird. Wir haben  z.B. im Bereich der Sprachförderung umfassende Angebote. Ich möchte in Zukunft wissen, ob sich die Sprachkompetenz der Kinder in den Kitas dadurch messbar verbessert hat und welche Ansätze erfolgreich weiterzuführen sind. Ich möchte, dass sich die Bildungsabschlüsse in den Schulen gerade von Kindern aus zugewanderten Familien und sogenannten bildungsfernen Elternhäusern deutlich verbessern und dieses auch in Zielvereinbarungen mit den Schulen festgeschrieben wird. Hier haben wir noch vielfältigen Handlungsbedarf .Wir können es uns nicht nur vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des sich jetzt abzeichnenden Mangels an Facharbeitern nicht leisten, Kinder und Jugendliche – egal welcher Herkunft – unzulänglich zu fördern und ihnen nicht ausreichend qualifizierte Startchancen ins Lebens zu geben.

Damit bin ich bei einem weiteren wichtigen Punkt: der Einbeziehung der Eltern. Solange Eltern nicht konsequent mitwirken und Hilfe leisten weil sie dieses nicht können oder wollen , besteht hoher Erklärungs- und Überzeugungsbedarf und den erreichen wir nur mit aktiver Unterstützung von hier gut integrierten Mitbürgern und deren Organisationen.

Lassen sie mich noch ein Beispiel anführen. Im Integrationskonzept steht die Handlungsempfehlung, dass alle Kinder unter 6 Jahren, also Jungen und Mädchen gleichermaßen,  zukünftig schwimmen können. Auch an diesem Punkt wird es möglicherweise interessante Debatten darüber geben, wie wir gewährleisten, dass Frauen interschiedlicher kultureller Herkunft selbstverständlich mit ihren Kindern ins Schwimmbad gehen. Und lassen sie uns nicht ausblenden, dass es nach wie vor Probleme in Schulen gibt, insbesondere Mädchen die Teilnahme am gemeinsamen Schwimm- oder Turnunterricht zu ermöglichen.

Meine Damen und Herren, ich bin sicher, dass wir in Bielefeld in vielen Bereichen bereits eine funktionierende Integration haben und der größte Teil der hier lebenden Menschen gut integriert ist. Doch gerade in diesem Feld gibt es noch sehr viel mehr zu tun. Lassen sie uns miteinander reden und gemeinsam überlegen, was noch verbessert werden soll und kann. Dazu bedarf es Gelegenheiten, die wir schaffen müssen, dazu bedarf es gegenseitigen Respekts aber auch Mut, andere Ansichten zu äußern. Ich bin überzeugt, dass wir nur so zu einer Normalität in einer Einwanderungsstadt, die persönliche Freiräume akzeptiert und sich an gemeinsamen gesellschaftlichen Werten orientiert. Daran soll jede und jeder mitwirken. Das vorliegende Integrationskonzept kann für alles das eine gute Leitlinie sein, die kontinuierlich den gesellschaftspolitischen Entwicklungen in der Kommune angepasst werden muss.

Gerade die Tatsache, dass die Umsetzung des I’konzepts eine „Querschnittsaufgabe“ ist, bedeutet, dass die Ziele und Maßnahmenvorschläge konsequent in allen Fachplanungen berücksichtigt werden und wir dieses regelmäßig hinterfragen.

Es gilt das gesprochene Wort!