10/09: Dezentrale Energieerzeugung durch die Stadtwerke Bielefeld GmbH


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Inge Schulze hielt am 08.10.2009 im Rat der Stadt Bielefeld zu TOP 4.1 der Tagesordnung folgende Rede:

Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren,

es erfüllt uns GRÜNE mit großer Freude, dass durch den Vertrag von Lichtblick und VW endlich das Realität werden wird, was wir seit langem fordern. Als Ergänzung zu dem schnell wachsenden Anteil von Strom aus regenerativen Energien wird eine dezentrale Energieerzeugung  mit hoher Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Klimaverträglichkeit Wirklichkeit. Es ist nicht zu hoch gegriffen, von einer Revolution in der Energieerzeugung zu sprechen.

Was ist passiert? Der Ökostromanbieter LichtBlick bietet auf der Basis eines Vertrags mit VW 100 000 kleine (20 KW el. und 34 KW therm.) Blockheizkraftwerke als sog „ZuhauseKraftwerke“ an. Sie werden entsprechend dem aktuellen Bedarf an Strom gesteuert, können innerhalb einer Sekunde an- und abgestellt werden und stellen den Kund/innen durch eine Kombination mit einem Wärmespeicher trotzdem zuverlässig Heizungswärme und Warmwasser zur Verfügung.

Lichtblick verkauft den Hausbesitzern also Wärme und betreibt die Anlage. Den Hausbesitzern wird eine Vergütung für die Stromerzeugung gezahlt.

Die „ZuhauseKraftwerke“ verringern den CO2-Ausstoß gegenüber herkömmlicher Wärme- und Stromproduktion um bis zu 60%. Sie erreichen durch die KWK eine Energieeffizienz von 92%.

Lichtblick hat erkannt: Aufgrund des erheblichen Modernisierungsbedarfs an Gebäudeheizungen ist das Marktpotential für diese Kraftwerke riesig. Das Unternehmen bietet als Energiedienstleister Hauseigentümern, Wohnungsgesellschaften, Gewerbetreibenden, Kommunen und sozialen Einrichtungen an, diese Kraftwerke zu sehr guten Konditionen an. 2010 werden die ersten Anlagen in Hamburg installiert, Lichtblick wird aber bundesweit aktiv sein.

Konditionen von Lichtblick
Die Eckdaten des Lichtblick-Angebotes, das ab 2010, ausgehend von Hamburg, angeboten wird:

  • Der Kunde schließt mit LichtBlick einen Wärmeliefervertrag über zehn Jahre mit einer Mindestlaufzeit von lediglich zwei Jahren ab.
  • Das ZuhauseKraftwerk bleibt in Besitz von LichtBlick. Der Kunde zahlt für die Standardinstallation lediglich einen Zuschuss von 5.000 Euro. Im Preis enthalten sind der Ausbau und die Entsorgung eines bestehenden Gasheizkessels sowie der Einbau des ZuhauseKraftwerks mit den erforderlichen Wärmespeichern.
  • Das kompakte LichtBlick-ZuhauseKraftwerk und der zugehörige Wärmespeicher brauchen nur wenig Platz. Die Anlage wird innerhalb von zwei Tagen schnell und sauber eingebaut. Sie ist anschlussfertig und lässt sich problemlos in die Haustechnik integrieren.
  • LichtBlick zahlt dem Kunden eine monatliche Miete von 5 Euro für die Aufstellung des ZuhauseKraftwerks im Heizungsraum.
  • Der Kunde profitiert von fairen und transparenten Preisen: LichtBlick berechnet nur die tatsächlich verbrauchte Wärme und koppelt den Wärmepreis an den Gaspreisindex des Statistischen Bundesamtes. Für Hamburg liegt der Wärmpreis zunächst bei 5,79 Cent pro Kilowattstunde.
  • Der monatliche Grundpreis liegt bei 20 Euro. Darin enthalten ist ein umfassendes Servicepaket.
  • LichtBlick kümmert sich um Wartung, Reparaturen, Versicherung und den Schornsteinfeger.
  • LichtBlick zahlt dem Kunden zusätzlich einen Bonus von 0,5 Cent pro ins Netz eingespeister Kilowattstunde Strom.
  • Jeder Kunde, der sich für das „ZuhauseKraftwerk“ entscheidet, profitiert auch von der Wirtschaftlichkeit des Energiekonzeptes des Unternehmens.

Die ZuhauseKraftwerke dürfen nicht als Nischenprodukt abgetan werden. Denn sie erfüllen genau die Anforderungen, die der Sachverständigenrat für Umweltfragen als Strategie für die Zukunft beschreibt: „In einem Energiesystem mit hohen Anteilen an fluktuierender Einspeisung aus regenerativen Energiequellen verlieren Grundlastkraftwerke nicht nur entscheidend an Bedeutung, sie sind aufgrund ihrer technischen Eigenschaften (nur sehr langsames Anfahren über Stunden möglich) auch nicht mehr geeignet, die notwendigen Aufgaben regelbarer Kraftwerkskapazitäten in dem neuen Energiesystem sinnvoll und kostengünstig zu erfüllen. Vielmehr werden schnell startende Kraftwerke und Kraftwerke mit gutem Regelverhalten benötigt.“

Genau diesem Anspruch wird dieses System gerecht.

Deshalb müssen auch die Stadtwerke Bielefeld schnell reagieren, wollen sie den Einstieg in diesen neuen Markt nicht verpassen. Sie müssen aber auch deshalb reagieren, weil durch den Ausbau der erneuerbaren Energien den konventionellen Kraftwerken Betriebsstunden wegbrechen und ihre Wirtschaftlichkeit immer schlechter wird. Die Kund/innen werden nicht bereit sein, diese verschlechterte Wirtschaftlichkeit mit immer höheren Preise auszugleichen, zumal sie bei Anbietern von Ökostrom zu günstigeren Preise einkaufen können.

Die Stadtwerke Bielefeld sind ein starkes Unternehmen, das auf veränderte Marktsituationen reagieren kann aber auch muss. In den nächsten Jahren müssen wichtige Weichenstellungen für die Zukunft der Stadtwerke vorgenommen werden. Das Ziel, den in Bielefeld von Industrie, Handel, Gewerbe und Haushalten verbrauchten Strom auch weiterhin durch die Stadtwerke erzeugen zu lassen, ist politisch unstrittig. Die heutigen Erzeugungskapazitäten des AKW Grohnde und der Kraftwerke in Veltheim müssen in den nächsten zehn Jahren ersetzt werden. Bielefeld braucht auf absehbare Zeit noch Kraftwerke, die mit fossilen Energieträgern betrieben werden. Dabei wird es darauf ankommen, die Energie so effizient wie möglich zu nutzen, nämlich gleichzeitig für die Strom- und Wärmeerzeugung. Hier bietet das Konzept von LichtBlick eine gute Lösung an (sozusagen ein Lichtblick!). Dieses System ist eine Alternative zum Ankauf von Veltheim und dem Bau neuer Kraftwerke ohne Kraft-Wärmekopplung.

Deshalb müssen schnell zukunftsfähige Konzepte entwickelt werden und natürlich in ihrer Umsetzbarkeit und Finanzierbarkeit auch dargestellt werden. Genau das soll mit unserem Antrag auf den Weg gebracht werden.

Unsere kommunalen Stadtwerke sind der Partner, der dieses Konzept erarbeiten kann und soll. Denn natürlich macht es keinen Sinn, ZuhauseKraftwerke als Konkurrenz zum bestehenden Fernwärmenetz zu installieren. Ich bin sicher, es gibt im Wohnungsbestand und auch bei neuen Wohnhäusern, die nicht im Einzugsbereich des Fernwärmenetzes gebaut werden, genügend Kapazitäten für diese Kraftwerke.

Die Stadt Bielefeld hat mit der BGW ein Tochterunternehmen mit vielen Wohnungen in Mehrfamilienhäusern. In Kooperation mit der BGW, aber möglicherweise auch mit weiteren Wohnungsgesellschaften und großen Wohnungseigentümern kann es gelingen, in wenigen Jahren dieses Konzept umzusetzen und eine dezentrale Erzeugungskapazität in einem großen Umfang zu schaffen. Die Einbeziehung weiterer Partner sollte ausdrücklich versucht werden.

Wir wissen, dass dieser Weg einen Abschied von der Stromerzeugung in Großkraftwerken bedeutet und damit ein ganz neues Denken bei den Stadtwerken und den Beschäftigten erfordert. Wir sind aber sicher, dass mit der Umsetzung dieser Idee die Stadtwerke sich einen Zukunftsmarkt sichern können und ihren Marktanteil als Energiedienstleister erheblich ausbauen können.

Ich halte es für selbstverständlich, dass das Ergebnis zeitnah dem AR der Stadtwerke aber natürlich auch dem Rat vorgestellt wird. Deshalb bitten wir um Zustimmung zu unserem Antrag.

Es gilt das gesprochene Wort!