Anschlussnutzung der Gutenbergschule durch das Abendgymnasium


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Dr. Inge Schulze hielt am 20.12.2012 im Rat der Stadt Bielefeld zu TOP 12 der Tagesordnung folgende Rede:

Mit dem heutigen Beschluss, die Gutenbergschule ab 01. August 2013 als Gebäude für das Abendgymnasium zur Verfügung zu stellen, geht ein mehrere Jahrzehnte dauerndes Provisorium zu Ende. Das Abendgymnasium arbeitet seit der Einrichtung von Vormittagskursen allein in Bielefeld an drei verschiedenen Standorten – dem Max-Planck Gymnasium (Abendkurse), dem Pavillion an der Frachtstraße (Vormittagskurse) und an der Stapenhorststraße 106, wo die Verwaltung untergebracht ist. Daneben hat das Abendgymnasium noch Standorte in Detmold, Gütersloh und Löhne. Solch schlechte Arbeitsbedingungen gibt es für kein anderes Gymnasium in Bielefeld.

Mit dem heutigen Beschluss ist aber absehbar, dass dieser Zustand beendet wird. Denn an der Gutenbergschule, einer Schule, die für die Sekundarstufe errichtet und eingerichtet ist, bekommt die Schule ein Gebäude, das allen heutigen Anforderungen an ein Gymnasium genügt und in dem alle Einheiten des Abendgymnasiums zusammengefasst werden können.

Es gibt viele inhaltliche Gründe, endlich für das Abendgymnasium eine eigene Schule zur Verfügung zu stellen, mit einem Raumangebot, das ein optimales Lernen und Lehren ermöglicht und Kommunikation sowie soziale Kontakte sowohl zwischen der Studierendenschaft als auch innerhalb des Kollegiums und zwischen allen an Schule Beteiligten. Im neuen Gebäude wird es erstmals auch ein Selbstlernzentrum und Aufenthaltsmöglichkeiten für die erwachsenen Studierenden geben.

Das Abendgymnasium ist als Einrichtung des zweiten Bildungsweg eine unverzichtbare Institution in der Region und in Bielefeld. Es bietet jungen, häufig berufstätigen, Erwachsenen eine zweite Chance, einen gymnasialen Abschluss (Abitur oder Fachhochschulreife) zu erreichen. Das Abendgymnasium verzeichnet seit Jahren steigende Zahlen von Studierenden, in die Vormittagskurse können wegen des Raummangels an der Frachtstraße nicht alle Bewerberinnen aufgenommen werden. Die Vormittagskurse werden überwiegend von Frauen und Alleinerziehenden mit Kindern besucht. Dieser Bereich erfreut sich steigender Nachfrage.

Ein weiterer Aspekt ist der hohe Anteil von Studierenden mit Migrationshintergrund (50%). Bildungsstudien belegen seit langem die Benachteiligung von Migrantenkindern in unserem selektiven Bildungssystem. Der 2. Bildungsweg ist daher gerade für MigrantInnen eine 2. Chance, Bildungsabschlüsse zu erreichen, die ihrer Begabung entsprechen. Dass diese Arbeit gelingt, ist ein Verdienst von Studierenden und Lehrerinnen und Lehrern. Der Erfolg lässt sich daran bemessen, dass im Zentralabitur die Ergebnisse über dem Landesdurchschnitt liegen, aber viel wichtiger, dass auch unter denjenigen, die das Abendgymnasium mit der Fachhochschulreife oder dem Abitur abschließen, 50% einen Migrationshintergrund haben. Dieser Beitrag zur Integration ist beispielhaft.

Die jungen Menschen, die das Abendgymnasium besuchen, nehmen viel auf sich, um ihre berufliche Perspektive durch einen höheren Schulabschluss zu verbessern. Sie gehen freiwillig zur Schule, nehmen lange Wege in Kauf und fahren oft direkt von der Arbeit zur Schule. Sie arbeiten häufig in prekären Verhältnissen – und es war für mich erschreckend, in Gesprächen zu erfahren, dass manche Arbeitgeber nichts von dem Schulbesuch wissen durften, weil sie möglicherweise fürchteten, eine billige Arbeitskraft zu verlieren, wenn diese einen höheren Schulabschluss macht!

Die Bedeutung des Abendgymnasiums wird auch bei der Betrachtung des sozialen Hintergrund der Studierenden sichtbar. Das Spektrum umfasst SupermarktkassiererIn, VerkäuferIn, Angestellte im öffentlichen Dienst, Straftäter im offenen Vollzug, FacharbeiterInnen in Dienstleistungsbereichen und der Produktion, Arbeitssuchende und alleinerziehende Mütter. Für all diese Menschen bietet der Besuch des Abendgymnasiums die Möglichkeit, einen Bildungsabschluss zu erwerben, der ihre Chancen auf einen Beruf mit einem existenzsichernden Einkommen erhöht. Dies ist auch ein großer Wert für die Gesellschaft und die Wirtschaft.

Meine Damen und Herren, ich freue mich, dass wir diesen Beschluss heute mit großer Mehrheit im Rat fassen.Dieser Beschluss heute ist auch Anerkennung und Wertschätzung der am Abendgymnasium von den Studierenden und dem Kollegium geleisteten Arbeit.

Ich hoffe, dass sich eine Möglichkeit ergibt, an dem neuen Standort ein Schild “Abendgymnasium Bielefeld” anzubringen und wünsche der Schule weiterhin viel Erfolg.

Es gilt das gesprochene Wort!

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Der Rat hat dann wie folgt beschlossen (Auszug aus der Niederschrift):

Anschlussnutzung der Gutenbergschule durch das Abendgymnasium

Frau Dr. Schulze (Fraktion Bündnis 90/Die Grünen) hebt die Bedeutung des Abendgymnasiums in der Bildungslandschaft hervor. U.a. werde damit das Ziel erreicht, Migrantinnen und Migranten zu fördern und ihnen einen höheren Bildungsabschluss zu ermöglichen. Dass sich Erwachsene zusätzlich zur ihrer beruflichen Tätigkeit einer Schulausbildung stellen würden, müsse hoch bewertet werden. Es sei längst überfällig, dem Abendgymnasium einen neuen Standort zuzuweisen, um der Schule ein neues Profil zu geben und um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Die Abiturnoten der Absolventinnen und Absolventen des Abendgymnasiums lägen über dem Landesdurchschnitt, was die gute Qualität der Arbeit der Lehrer/-innen und die hohe Motivation und das Engagement der Studierenden widerspiegeln würde.

Herr Grün (BfB-Fraktion) spricht sich ebenfalls dafür aus, das Abendgymnasium in der Gutenbergschule unterzubringen, auch wenn er die berechtigten Interessen der Stapenhorstschule nachvollziehen könne. Aufgrund der Empfehlung des Finanz- und Personalausschusses fasst der Rat folgenden Beschluss:

Die Gutenbergschule wird zukünftiger Standort des Abendgymnasiums.

Für Herrichtungsarbeiten im Gebäude der Gutenbergschule werden Kosten in Höhe von ca. 70.000 € entstehen. Damit werden im Wesentlichen Umzugskosten, Schönheitsreparaturen und kleinere bauliche Anpassungen in einem Mehrzweckraum im Keller sowie die Ergänzung der EDV-Verkabelung finanziert. Die Kosten sind aus Bauunterhaltungsmitteln bzw. durch Umschichtungen im Haushaltsvollzug 2013 zu decken.

– bei 2 Enthaltungen einstimmig beschlossen –