Wie kann die Schullandschaft in Bielefeld gut weiterentwickelt, Herausforderungen gerechter verteilt und eine gute Bildung für alle Schüler*innen erreicht werden. Darum ging es in der Sondersitzung des Rates am 02.04.2025. Dazu die Rede von Cim Kartal, Mitglied im Schul- und Sportausschuss.
Sehr geehrter Oberbürgermeister,
liebe demokratische Kolleginnen,
liebe Gäste,
Eines vorweg, ich kann Eltern und Kinder verstehen, die jetzt Sorge haben, keinen Platz an ihrer Wunschschule zu bekommen – wir haben uns die Entscheidung genau wegen dieser Sorge nicht leicht gemacht. Dennoch nach Abwägungen und langen Diskussionen haben wir uns für diesen Schritt entschieden. Ich möchte hier einmal ganz sachlich darlegen warum.
In Bielefeld suchten jedes Jahr bis zu 90 Schüler*innen nach der 7., 8. und 9. Klasse einen neuen Schulplatz in einem integrierten System, da sie ihre Wunschschule verlassen mussten weil die Lernziele nicht erreicht wurden. Die Gesamtschulen sprechen von 100 (!) Anfragen von Bielefelder Realschulen, die Plätze für ihre abzuschulenden Schüler*innen suchen. Jahr für Jahr!
Zur Wahrheit gehört auch: Auch Gymnasien geben Schüler*innen ab – auf zwar auf Realschulen. Denn da sind ja Plätze frei geworden. Das heißt: Schüler*innen werden durchgereicht – an die Gesamtschulen und Sekundarschulen. Diese beiden Schulformen nehmen diese Schüler*innen auf und führen alle zu einem Abschluss.
Allerdings: Durch die vielen Aufnahmen kommt es zu Problemen. Die Klassen der 7., 8. Und 9. Jahrgänge werden größer. Und es werden auch Mehrklassen gebildet – in diesem Jahr an der Königsbrügge und der Martin-Niemöller-Gesamtschule. Und weil man nicht alle Neuen in eine Klasse packen kann, werden die bestehenden Klassen aufgelöst und mit den Neuen neu zusammengesetzt.
Was für eine Belastung!
Für die Schulen!
Für die sowieso schon schwer gebeutelten Schüler*innen, die ihre Realschule verlassen mussten!
Und wie herausfordernd für die Schüler*innen der aufnehmenden Schule, die ihre Klassenverband verlieren – mitten in der Pubertät. Sie haben sich vielleicht gerade in der Klasse eingefunden, Freundschaften geschlossen, sind mit ihrem Klassenlehrer oder Lehrerin zufrieden und dann kommt für viele Schülerinnen und Schüler ein Bruch. Neue Klassenkamerad*innen, neue Klassenlehrer*innen und vielleicht muss wegen dieses Umbruchs auch noch Klassenfahrt abgesagt werden.
Verstehen Sie?! Bei der Frage, um die es hier heute geht – geht es nicht allein um Eltern, die für ihre Kinder keinen Platz an der Realschule bekommen, weil wir keine Mehrklassen bilden wollen. Es geht um viel mehr Schüler*innen, ihre Eltern – und auch nicht nur um Realschulen.
Es geht auch um Gesamtschulen und Sekundarschulen. Die organisatorischen und anderen Schwierigkeiten für die Schulen lassen sich ja in der Antwort der Verwaltung ablesen. Ich will die hier jetzt zitieren. Aber eh schon hoch belasteten Schulen werden zusätzliche Aufgaben und Schwierigkeiten aufgebürdet.
An dieser Stelle bitte ich noch einmal um Ihre besondere Aufmerksamkeit: die Hälfte des 10er Jahrgangs dieser hoch geforderten und belasteten Gesamtschulen macht Abitur. Darunter viele junge Leute, denen Grundschullehrer*innen nur die Hauptschule zugetraut haben und darunter auch viele, die ihre Wunsch-Gymnasium oder ihre Wunsch-Realschule verlassen mussten. Das ist eine großartige Leistung. Die darf hier nicht unerwähnt bleiben soll, wenn wir über zwei Mehrklassen an Realschulen in Mitte abstimmen/streiten/diskutieren. Zur Abwechselung sollten wir auch mal über die Leistungen dieser Schulen sprechen.
Was hat das jetzt aber mit den Mehrklassen im 5. Jahrgang zu tun? Ganz einfach: Wer mehr Klassen an Realschulen und auch Gymnasien einrichtet, verschlechtert das Verhältnis zwischen abgebenden und aufnehmenden Schulen. Die Gesamtschulen sprechen von 20 abgebenden Schule und nur sechs städtischen Gesamt- und Sekundarschulen, die aufnehmen. Dieses Verhältnis, das es so schlecht in NRW kein zweites Mal gibt, – wird noch schlechter mit zwei Mehrklassen.
Es hat sich gezeigt, dass ein verengter Blick in der Schulentwicklungsplanung auf den 5ten Jahrgang problematisch ist. Wir müssen das ganze System im Blick haben und nicht nur die Jahrgänge 5. Überall sind Eltern und Kinder betroffen.
Daher haben wir im letzten Schulausschuss auch einen Antrag zur Schärfung der Schulentwicklungsplanung gestellt, der mit großer Mehrheit angenommen wurde.
Klar ist wir müssen die integrierten Systeme stärken, um hier von Anfang an mehr Anmeldungen zu haben. Mit unserem Antrag heute machen wir uns auf den Weg Anmeldefaktoren besser zu verstehen und dann umsteuern und stärken zu können.
Es ist keinen Eltern, keinen Schüler*innen geholfen, wenn wir die Augen vor diesem Problem verschließen. Wir gehen die Probleme an. CDU und die FDP wollen offensichtlich so weitermachen wie in der Vergangenheit. Das ist zum Scheitern verurteilt. Wer gute und verantwortungsvolle Politik machen will, muss mehr Ganze im Blick haben – dafür dann auch unpopuläre Entscheidungen treffen.
Es gilt das gesprochene Wort.